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Intro
Eine Band als Rätsel
publishing date August 24, 2012
interviewer Verena Reygers
publisher Intro
;
translation A Band as Mystery
article Eine Band als Rätsel
2011
2012
2013

Mehr als zwei Jahre hat die Internetwelt über das Multimediaprojekt iamamiwhoami spekuliert, das mit elektronischen Soundscapes und geheimnisvollen Videoclips alle neugierig machte. Einige vermuteten dahinter sogar Lady Gaga oder Christina Aguilera. Jetzt gibt es das Debüt »kin« in Form eines audiovisuellen CD/DVD-Sets. Als Schöpferin hat sich die schwedische Künstlerin Jonna Lee geoutet. Verena Reygers hört und blickt hinter die Rätsel von iamamiwhoami.

Als der Hörer abgenommen wird, meldet sich die Künstlerin am anderen Ende der Leitung ganz unverkrampft mit Jonna Lee. Das habe ich so nicht erwartet. Schließlich sorgte die Schwedin mit ihrem Geschöpf iamamiwhoami in den vergangenen zwei Jahren für Versteck- und Verwirrspiele. Seit im Dezember 2009 ihr erster Videoclip – ein verschrobener, mit Ziffern betitelter Einminüter namens »Prelude 699130082.451322-5.4.21.3.1.20.9.15.14.1.12« – aufgetaucht war, rätselte man dank viraler Verbreitungsmechanismen weit über die YouTube-Gemeinde hinaus, wer hinter dem Projekt stecken könne. Nach ähnlichen Videos, in denen blinzelnde Bäume und eine nachtschwarz bemalte Gestalt erschienen, wurden Musikerinnen wie Lady Gaga, The Knife oder Björk hinter der Nachtschwärze gehandelt. Gar Christina Aguilera traute man so viel Experimentierfreudigkeit zu.

Immerhin, die Zahlencodes der Videos ins Alphabet transferiert ergaben einen gewissen Sinn, nämlich die schwedischen Wörter für »Ich bin«, »Ich bin’s« oder »Willkommen zu Hause«. Mehr Antworten gab es vorerst nicht. Auch dann nicht, als die Frau sich in den folgenden Videos immer mehr zu erkennen gab und von den Fans schließlich als die Musikerin Jonna Lee identifiziert wurde, die bisher als Singer/Songwriterin eher wenig aufgefallen war. Das einzige Statement der Künstlerin fand sich in einem Interview der Winterausgabe des amerikanischen Magazins Bullett. Dort antwortete iamamiwhoami auf Fragen nach ihrer Arbeit und ihrem Hintergrund mit kryptischen Versen, die gar nichts preisgaben außer der Tatsache, dass diese Künstlerin das Mysteriöse bewusst provoziert.

Der richtige Name

Und dann offenbart sich die Rätselhafte als Jonna Lee, die in Stockholm völlig unwunderlich am Telefon sitzt? »Als die Leute anfingen, über dieses Projekt zu sprechen, war alles noch im Entstehen begriffen, und ich musste die Tür schließen und den Kreativitätsprozess von der Öffentlichkeit abgrenzen, damit er sich ungestört entwickeln konnte«, dringt ihre Stimme durch den Hörer. »Jetzt, wo das Album fertig ist, verhält sich die Situation anders. Da spreche ich über iamamiwhoami natürlich mit meinem richtigen Namen.«

Das Album, das sie meint, ist »kin« betitelt und ein audiovisuelles Werk, das Klang und Bild miteinander vereint. Zu jedem Song gibt es ein zugehöriges Video, die Episoden ergeben zusammen einen musikalisch unterlegten Film, in dem sich die Kunstperson iamamiwhoami in einer Bilderwelt bewegt, die an Komplexität und Fantastik schwer zu überbieten ist.

Die Musik speist sich aus Minimal, Ambient und Industrial. Elektronische Beats schwellen an und ab, drängen sich mit perkussiven Rhythmen unterlegt wie Soundgewitter auf und schweben schon im nächsten Moment glockenleicht im Hintergrund. Lees Stimme keucht zu diesen dunklen, verwaschenen Beats derart eindringlich, dass man ihre ausgestreckten knochigen Arme direkt aus dem Gruselwald kommen sieht. Keine Musik zum Alleinhören, wären da nicht stilistische Einflüsse von Kate Bush oder Lykke Li, die Wärme und Nähe stiften. »Ich benutze meine Stimme wie ein Instrument«, erklärt die Musikerin die Vielseitigkeit ihres Gesangs, der Furcht und Wut genauso transportiert wie Laszivität und Sex. Dabei beruhe ihr kreativer Prozess vor allem auf Intuition und sei frei von äußeren Einflüssen. »Ich sehe und höre quasi, was ich als Nächstes zu tun habe. Ich weiß, das klingt merkwürdig, aber für mich ist das sehr real und für die anderen, mit denen ich zusammenarbeite, auch.«


An Lees Seite steht der Produzent und Songschreiber Claas Björklund, der die Künstlerin auch schon bei früheren Soloalben produzierte. Ihre Texte schreibt Lee allerdings allein. Komplettiert wird iamamiwhoami von dem Visualteam um Regisseur Robin Kempe-Bergman, das die Songs des Duos Lee/Björklund in bewegte Bilder umsetzt.

Über den Verlauf dieser filmischen Episoden zu »kin« hat sich iamamiwhoami vom mystischen Naturwesen ihrer ersten Videos zu einer Frau in weißer Unterwäsche gewandelt, die in der Wohnung einer Plattenbausiedlung von einem Flokati-Wesen heimgesucht wird. Dieses verschleppt iamamiwhoami erst in den Wald und dann auf den Dachboden einer Holzhütte, wo selbstvergessen getanzt wird. Klingt possierlich, lotet aber sämtliche Tiefen menschlicher Emotionen aus – Furcht, Faszination, Mitgefühl und Abneigung wecken die Bilder.

Erstaunlich ist nicht nur die Gefühlspalette, die iamamiwhoami musikalisch anmischt, auch ihre visuelle Performance stellt den Zuschauern die Nackenhaare auf. Zwischen Bäumen und Flokati wird die eigene Identität gesucht, werden Fragen nach Heimat und Zugehörigkeit gestellt. iamamiwhoami spielt dabei mit den Möglichkeiten und der Ungewissheit, was als Nächstes passiert, ganz so wie im richtigen Leben, schickt aber optimistisch immer auch das Signal, dass es darum geht, emotional Wurzeln zu schlagen.

Das vermute ich zumindest. Die Künstlerin will das allerdings nicht bestätigen. »Ich überlasse die Deutung lieber jedem Einzelnen«, sagt sie. »Natürlich haben diese Elemente in meinen Videos alle ihre Bedeutung für mich, aber es geht darum, diese individuell zu interpretieren.« So überbieten sich im Internet die Foren mit Deutungen. Ganz vorne dabei ist forsakenorder.com, wo die Texte und Videos von iamamiwhoami in seitenlangen Blogeinträgen mit wildwüchsigen Theorien auseinandergepflückt werden. Dann lieber doch schweigen. Ein bisschen Geheimnis muss bleiben. Denn nur so geht das reizvolle Rätseln weiter. Im Herbst kommt die Musikerin samt Crew auf Tour. Was dort live an akustischen und visuellen Gewittern auf die Fans herabprasseln wird, behält sie – selbstredend – vorerst noch für sich.

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